Ausbildung zum Erzieher

Vom Schreibtisch in die Spielecke

BuerPott berichtete am 28.01.2015

Gespannt sitzen die sieben Kinder vom Offenen Ganztag Georgstraße im Halbkreis, lassen ihre Beine von den Stühlen baumeln oder rutschen aufgeregt auf den Sitzflächen hin und her. Dass das heute kein normaler Ausflug in die Kinderbibliothek in der Ebertstraße ist, merken sie auch ohne, dass die Betreuerinnen es ihnen gesagt haben. Von den drei jungen Frauen, die vor ihnen sitzen, beginnt eine zu reden, stellt sich als Betül vor. Schnell hat Betül sie mit der Geschichte „Ein Ball für alle“ und dem passenden Bilderband in den Bann gezogen. So fällt den Kindergartenkindern gar nicht auf, dass auch Betül Ayan schrecklich aufgeregt ist. Für die 20-Jährige ist das Lese-und-Bastelprojekt mit den jungen Teilnehmern der erste Praxistest im Rahmen ihres Erzieher-Abiturs.

„Quasi das erste Mal vor Publikum“, flüstert Andrea Erkes-Blanke, die aus dem Hintergrund beobachtet wie Betül jetzt anhand eines Papieraufstellers die Protagonisten der Geschichte vorstellt. Erkes-Blanke ist Abteilungsleiterin des Beruflichen Gymnasiums des Berufskolleges und Didaktiklehrerin der angehenden Erzieher. Die Pädagogin beobachtet die Schüler bei der Durchführung des zuvor selbst erstellten Konzeptes und reflektiert später in Nachbesprechungen, was geklappt hat und was nicht.

„Doch auch für die Schüler selbst ist das ein wichtiger erster Test“, ergänzt die Lehrerin. Denn das "Publikum" besteht nicht aus geschultem Personal, sondern aus dem wandelnden Überraschungsei Kindergartenkind. Der X-Faktor quasi auf dem Weg von Theorie nach Praxis, vom Schreibtisch in die Spielecke. „Sie bekommen erste Antworten auf die Fragen, die sie sich selbst stellen: ‚Kann ich das wirklich?’, ‚Bin ich dafür geeignet?’’ Immerhin dauere das Erzieher-Abitur drei Jahre, danach folgt ein Jahr Berufspraktikum, danach noch ein Jahr Berufsanerkennung. Die frühe Erkenntnis, dass der tägliche Umgang mit den kleinen Energiebündeln nichts für einen ist, spart jungen Schülern womöglich viel Zeit.

Betül hat derweil die Geschichte zu Ende erzählt. Alle Kinder wissen jetzt, dass Golo der Gartenschläfer den anderen Tieren zwar den Ball geklaut hat, ihn aber wieder zurückgebracht hat, nachdem er zum Spielen eingeladen wurde. Aber weil gehört ja nicht verstanden heißt, stellt die Schülerin im Anschluss noch einige Fragen. Während bei der Frage, welches Tier ihnen in der Geschichte am besten gefallen habe, die Finger noch rasch und sicher in die Luft schnellen („Der Frosch, weil der Frosch so gut hüpfen kann“), kommt es bei Fragen zu Beweggründen oder guten und bösen Handlungen vermehrt zu zögerhaften Meldungen oder unsicheren Blicken zum Nebenmann bzw. –kind. Ein paar Minuten später ist die Moral aber allen klar: Ein Ball reicht für alle und alle können mitspielen. Das kennt man doch vom heimischen Spielplatz.

Als die Schülerinnen und ihr junges Publikum vom Lesekreis an die Basteltische wechseln, macht die Didaktiklehrerin Notizen auf ihrem Papier, viele Haken sind dabei, es wird oft zufrieden genickt. Dass Betül trotz guter Vorbereitung zunächst sehr nervös war, ist kein Wunder, wenn man bedenkt, dass der Schwierigkeitsgrad ihrer ersten Übung im Vorfeld – unfreiwillig – auf schwer gestellt wurde. „14 Tage lang kommen die Schüler jetzt täglich dran, immer in Dreierteams“, erläutert Andrea Erkes-Blanke das Verfahren. „Doch die zwei Partnerinnen von Betül sind krank geworden, Miriam und Jasmin helfen heute nur aus.“

Die 20-Jährige ist also völlig alleine für die Durchführung des zuvor entwickelten Konzeptes zuständig. Eine dieser Herausforderungen, die das Leben manchmal parat hält, findet Erkes-Blanke: „Das gehört auch zur Ausbildung. Es läuft nicht immer alles nach Plan und dann muss man Lösungen finden und nicht absagen. Immerhin warten hier echte Kinder, die etwas lernen wollen.“ Das Schmunzeln der Lehrerin lässt dabei erahnen, dass sie zum einen diese Lektion des Lebens gar nicht so unwillkommen findet und zum anderen, dass Betül sie bisher sehr gut meistert.

Mittlerweile sind die Kinder an den Tischen etwas lebhafter geworden, es ist hektische Betriebsamkeit ausgebrochen. Mit Vogelsand werden Luftballons aufgefüllt, die danach angemalt, beklebt oder mit bunten Bändern umwickelt werden können. Während Cem es sich zum Auftrag gemacht hat, einen möglichst großen „Klebball“ herzustellen, begnügt sich Kerem am Nachbartisch mit vielen kleinen Exemplaren. „Es ist wichtig, dass die Kinder hier nicht basteln, also mit einer Schablone etwas nachmachen, sondern selber gestalten. So können sie individuell die eben gehörte Geschichte aufbereiten“, vermittelt Erkes-Blanke den pädagogischen Hintergrund des kreativen Austobens.

Unterstützt von Jasmin und Mariam, die hier viel besser und intuitiver helfen können als beim Vorlesen, geht Betül zwischen den Tischen hin und her, hilft hier beim Auffüllen der Ballons und gibt da gute Ratschläge zur richtigen Farbauswahl. Es wird geschnitten, geschrieben, bemalt, sich hingekniet und vor allem viel Lob verteilt. Dafür erntet sie erneut zufriedenes Nicken bei der Lehrerin: „Sie macht das jetzt gut. Sie geht rum und baut Beziehungen zu den Kindern auf. Das ist wichtig. Denn alle Fachkompetenz bringt dir nichts, wenn die Kinder dir nicht genug vertrauen, um mit Problemen zu dir zu kommen.“

Nach einer Stunde ist das Projekt für die Kinder vorbei. Betül zaubert einige Tüten hervor, in die die kleinen Gestalter ihre Kreationen einpacken können und begleitet sie dann bis zur Tür, um Tschüss zu sagen. Wie aus dem Lehrbuch. Als sie zurück ist, wird erstmal kräftig durchgepustet. „Gerade am Anfang war ich richtig aufgeregt“, erinnert sich die 20-Jährige. „Aber wenn man dann einmal wirklich drin ist, dann vergisst man alles andere um sich rum sehr schnell.“ Auch die Kinder, die in einer solchen Situation immer ein X-Faktor sind, hätten gut mitgespielt, erzählt sie: „Das war super, die haben richtig gut aufgepasst bei der Geschichte.“ Auch den weniger linearen Teil am Gestaltungstisch habe sie als angenehm empfunden, „manchen musste ich helfen, andere konnten es schon so gut, dass ich sie alleine machen lassen konnte.“ Im Hintergrund nickt die Didaktiklehrerin mal wieder zufrieden. Während die Kindergartenkinder mit viel Spaß und einer Moral für den Spielplatz nach Hause gehen, nimmt Betül Ayan erste praktische Erfahrungen als Erzieherin mit. Wenn sie in einigen Wochen das erste Praktikum macht, weiß sie eines schon: Ja, ich kann das wirklich.