„Ich betrachte diesen Unterricht auch als Unterstützung für meine eigene Religion“

UK (Unsere Kirche) B8 (Ruhrgebiet) berichtete in der Ausgabe Nummer 52/2019

evangelische Religion für Muslime

Am Berufskolleg Königstraße steht für Muslime evangelische Religion auf dem Abilehrplan

GELSENKIRCHEN – Das Kreuz als christliches Symbol hängt unübersehbar im Klassenraum an der Wand. Darunter bereiten sich christliche und muslimische Schülerinnen und Schüler am Berufskolleg aufs baldige Abitur vor. Evangelische Religion steht auf dem Lehrplan. „Es ist wichtig, Sachen zu vergleichen, die nichts mit der eigenen Religion zu tun haben.“ Emine Güngör möchte im nächsten Jahr Abitur machen. Als mündlichen Grundkurs hat sie Evangelische Religion gewählt. Ebenso wie Gizem Tomruk und Eray-Kaan Uygun lernt sie nun im Unterricht bei Michael Blätgen viel über die ihr bisher fremde Religion. So stand kürzlich Martin Luther auf dem Lehrplan. „Die Klausur dazu war für mich völlig neu, von den 99 Thesen hatte ich bisher nichts gewusst.“

Für das Fach hat sich die 24-Jährige entschieden, weil sie am Berufskolleg parallel zum Abitur eine Ausbildung zur Erzieherin absolviert: „Gern würde ich später in einer evangelischen Kita arbeiten. Ich finde, dass Religion dazu gehört. Viele Kinder kennen ihre Religion nicht mehr so richtig. Und ich möchte gern, dass die Kinder zum Beispiel auch lernen, wann die religiösen Feiertage sind.“ Von sich selbst sagt die gläubige Muslima: „Manchmal ist es wichtig, Dinge zu vergleichen, die nichts mit der eigenen Religion zu tun haben.“

Ihre Eltern unterstützen sie dabei, finden es gut, andere Religionen und ihre Bräuche zu betrachten und hatten nichts dagegen, als ihre Tochter ihnen von ihrer Abiturfachwahl berichtete.

Auch Gizems Eltern hatten gegen die Kurswahl ihrer Tochter nichts einzuwenden. Die fröhliche 18-Jährige freut sich, dass sie hier vertieftere Einblicke in die andere Religion erhält und stellte schon einige Gemeinsamkeiten fest, wie sie sagt: „ Zum Beispiel beim Thema Abtreibung, auch wenn sich viele Menschen nicht daran halten, genauso beim Thema Ehebruch. Ich finde es übrigens sehr interessant, von einem evangelischen Pfarrer unterrichtet zu werden!“ Warum ausgerechnet Evangelische Theologie? „Weil es gut ist fürs Allgemeinwissen und bestimmt im Berufsleben Fragen dazu aufkommen können. Ich lerne einfach etwas über die hiesige Religion. An meinem eigenen Glauben ändert sich ja dadurch nichts.“

Und natürlich kann man in diesem Kurs gute Punkte sammeln fürs Abitur. Auch wenn, darin sind sich alle beide einig, Lehrer Blätgen schon viel verlangt und recht streng ist. Bei Referaten zum Beispiel muss man sich bei ihm ordentlich ins Zeug legen.

„Ich hab ja einen Lehrplan und es wird schließlich das Zentralabi geben. Doch ich habe auch sehr eigene Vorstellungen von meinem Unterricht. Schülerinnen und Schüler sollen dabei über sich selbst und die Gesellschaft nachdenken. Wenn ich nur reines Abiwissen vermitteln würde, wäre mir das nicht genug. Die Schülerinnen und Schüler sollen mehr für sich mitnehmen. Religion hat für mich einen lebensschaffenden Wert“, stellt Lehrer Michael Blätgen klar.  

Als Eray- Kaan als Seiteneinsteiger in der 12. Klasse dazu gestoßen ist, sagte man ihm, dass er sich entscheiden müsse, evangelische oder katholische Religion. „Ich hab mich dann für evangelisch entschieden. Ich identifiziere mich eher mit einer liberaleren Einstellung zur Religion, auch meiner eigenen gegenüber.“ Dabei sei er schon ein gläubiger Muslim, betont der 19-Jährige, aber eben ein liberaler. Dann kam der erste Tag im evangelischen Religionsunterricht – und die Themen haben ihn einfach überwältigt. Überrascht habe ihn anfangs, dass er auch Referate halten musste, zu Martin Luther zum Beispiel. Und das, obwohl er das Fach doch gar nicht als Abifach wählen wird.  Dass er dabei unter dem Kreuz als christlichem Symbol büffelt, ist für den angehenden Sozialarbeiter völlig ok. „ Es wird einen großen Einfluss haben, wenn man eine Beziehung zu seinem Gegenüber aufbauen kann und dessen Religion kennt“, ist er sich dabei ganz sicher. Für die Zukunft würde er sich aber wünschen, dass die Schulen einen gemeinsamen Ethikkurs anbieten würden.

Text: Frauke Haardt-Radzik